Architektur / Umfeld / Zeitgeschichte

Wien zur Zeit Freuds. Das Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts, das Wien der frühen Moderne. Das Wien im Ersten Weltkrieg und das Wien der Zwischenkriegszeit. Anhand von Bildern – viele aus dem unmittelbaren Kultur- und Lebenskreis von Sigmund Freud, andere im Umkreis seiner billigen Wohnungen und Arbeitsstätten, einige Genreszenen aus dem Leben des Bürger- und Kleinbürgertums – sollen das Umfeld des Dr. Sigmund Freud, seiner Lehre und Lebensstationen illustrieren. Wien – ein Kaleidoskop, ein Tagebuch der Straßen: Freud, der Konquistador, der Ruhelose, der erst in der Berggasse 19 sein „Haus“ fand. Begleiten Sie ihn auf einer Reise durch sein Wien.

1890-1900

Sigmund Freud, 1891 © IMAGNO/Sigmund Freud Privatstiftung
Sigmund Freud, 1891 © IMAGNO/Sigmund Freud Privatstiftung

Das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts in Wien ist geprägt von wachsenden Auseinandersetzungen zwischen Liberalen, Bürgerlichen und der noch jungen Sozialdemokratischen Partei. Der latente Antisemitismus wird immer stärker.

Gleichzeitig beginnt in Wien die Phase der Modernisierung: Rekommunalisierung der Infrastruktur, Verbesserung der Wasserversorgung, Errichtung der städtischen Gaswerke, Elektrifizierung der Straßenbahn. Die Kluft zwischen Arbeitern und wohlhabenden Bürgern wird dennoch immer größer.

Im kulturellen Sektor kündigen sich bahnbrechende Änderungen an: Der Bruch mit der klassizistischen Malerei, das Aufkommen des Jugendstils und der Sezessionsbewegung, die architektonischen Revolutionen von Adolf Loos sind Anzeichen für eine neue Weltsicht.

1900-1909

Sigmund Freud, um 1907 © IMAGNO/Sigmund Freud Privatstiftung
Sigmund Freud, um 1907 © IMAGNO/Sigmund Freud Privatstiftung

Der 1. Weltkrieg wirft seine Schatten. Die Staaten sehen sich europaweit unter starkem Druck der Arbeiterbewegungen. Die erste paneuropäische Friedensbewegung (Bertha von Suttner) formiert sich. Die zionistische Bewegung, die von Theodor Herzl in Wien vorbereitet wurde, konstituiert sich.

Nach dem Jahrhundert der Dampfmaschine beginnt das Jahrhundert der Elektrizität. Wesentliche Entdeckungen wie die Röntgenstrahlen oder die Radioaktivität, die Massenproduktion des Autos und des Flugzeuges, etc. prägen dieses Jahrzehnt.

In Wien wird die Modernisierung der Stadt fortgesetzt, die sozialen Verhältnisse aber bessern sich nicht. Es kommt zu den ersten Streiks, die Arbeiterschaft verlangt Mitbestimmungsrechte.

Der Jugendstil und der Sezessionismus setzen sich im Stadtbild durch. Die impressionistische Bewegung wird auch in Österreich aufgenommen. In der Hofoper ist Gustav Mahler die bestimmende Persönlichkeit. Die Dramen Arthur Schnitzlers werden mit Erfolg aufgeführt, der Wiener literarische Jugendstil entfaltet sich zu einer eigenen Richtung.

1910-1919

Sigmund Freud mit seinen Söhnen Ernst und Martin in Uniform, 1916
Sigmund Freud mit seinen Söhnen Ernst und Martin in Uniform, 1916

Der 1. Weltkrieg führt zu gewaltigen Verlusten an Menschenleben in den großen Stellungsschlachten. Die K.u.K. Monarchie zerfällt. Übrig bleibt ein kleiner Staat Österreich, dem viele das Überleben nicht zutrauen.

Aus den ehemaligen Kronländern Österreichs werden selbständige Republiken. Auch in Deutschland wird die Monarchie abgeschafft.

Österreich wird Republik. In Wien stellen die Sozialdemokraten die größte Partei. Erster österreichischer Bundespräsident wird Karl Seitz und erster Bundeskanzler Karl Renner. Ab 1920 regiert die christlich-soziale Partei. Johann Schober und Ignaz Seipel werden Bundeskanzler.

In der Literatur und bildenden Kunst setzt sich der Expressionismus durch, ebenso wie der Kubismus – wie ein Spiegelbild einer zerstörten, unterbrochenen Welt. In Wien bahnt sich eine neue philosophische Strömung an: der Wiener Kreis um Moritz Schlick und später Karl Popper. Die kommunistische Bewegung wird immer stärker. In Russland setzt sich die bolschewistische Revolution unter Wladimir Iljitsch Lenin und Leo Trotzki durch.

1920-1929

Portrait von Sigmund Freud, Foto: Max Halberstadt, um 1930 © IMAGNO/Sigmund Freud Privatstiftung
Portrait von Sigmund Freud, Foto: Max Halberstadt, um 1930 © IMAGNO/Sigmund Freud Privatstiftung

In Wien beginnt die Sozialdemokratie mit einem bis heute beispielslosen Wohnbau- und Pädagogik- sowie Sozialprogramm: Die großen Gemeindebauten werden errichtet, die sozial-medizinische Grundversorgung der Bürger wird durchgesetzt, eine neue literarische und künstlerische Aufbruchstimmung scheint sich durchzusetzen.

Die Weltwirtschaftskrise bricht aus. Am legendären schwarzen Börsenfreitag in New York werden Hunderte Millionen Dollar an Kapital, große Unternehmen und Banken mit einem Schlag vernichtet. Die Österreichische Creditanstalt muss Konkurs anmelden. 1928 kommt es in Wien zum Arbeiteraufstand. Der Justizpalast brennt.

Im kulturellen Bereich ereignet sich Revolutionäres. Die neue Wiener Schule, die Arbeiterkulturbewegung, die Bildungsbewegung, die neue Sachlichkeit, die große Zeit der österreichischen Literatur und Philosophie: Robert Musil, Ludwig Wittgenstein sind die Psychoanalytiker neben Freud.

Der Faschismus beginnt in Europa Fuß zu fassen. Hitlers „Mein Kampf“ erscheint. In Italien übernimmt Benito Mussolini im Staatsstreich die Regierung und führt das faschistische Regime ein. In Spanien und Portugal setzen sich rechte Diktaturen durch. In Deutschland jagt eine Regierungskrise die andere.

In Russland wird indessen der neue ökonomische Plan ausgerufen. Lenin setzt sich gegen Trotzki durch, der verbannt wird, nach Lenins Tod wird Stalin der mächtigste Politiker des Landes.

1930-1939

Sigmund Freud, 1938 © IMAGNO/Sigmund Freud Privatstiftung
Sigmund Freud, 1938 © IMAGNO/Sigmund Freud Privatstiftung

Der politische Kampf in Österreich zwischen Sozialdemokraten und Christlich-Sozialen wird heftiger. Beide Parteien gründen paramilitärische Organisationen, die einander auf der Straße bekämpfen. 1933 kommt es zur „Selbstauflösung“ des Parlaments, der christlich-soziale Engelbert Dollfuß übernimmt die Regierung und verbündet sich mit Benito Mussolini. Die Sozialdemokratie wird verboten.

In Deutschland wird Adolf Hitler zum Reichskanzler berufen, bald danach ist die Demokratie zu Ende. Die Diktatur beginnt. In Österreich wird Bundeskanzler Dollfuß erschossen. Die Nationalsozialisten beginnen auch in Österreich mit Terroraktionen.

1938 kommt es zum Einmarsch deutscher Truppen in Österreich. Wien wird Teil des Deutschen Reiches. Hitler wird von Tausenden stürmisch begrüßt.