Begriffe der Psychoanalyse

Sigmund Freud an seinem Schreibtisch, Aquatinta-Radierung von May Pollak © IMAGNO/Sigmund Freud Privatstiftung
Sigmund Freud an seinem Schreibtisch, Aquatinta-Radierung von May Pollak © IMAGNO/Sigmund Freud Privatstiftung

„Fehlleistung“, „Ödipuskomplex“, „Zwangsneurose“, „Unbewusstes“ – viele der Begriffe, die Sigmund Freud erstmals geprägt hat, sind heute Alltagssprache. Freud’sche Modelle – Es, Ich, Überich – und Analyseansätze werden in Massenmedien zitiert und als Erklärungsmuster für aktuelle Tatsachen und Vorgänge verwendet. Psychoanalytische Begriffe werden in Management Summarys ebenso verwendet wie in populären Ratgebern.

Dennoch ist die Psychoanalyse immer noch Stachel, ruft Widerstand und Polemik hervor. Das ist gleichzeitig Beweis für ihre Lebendigkeit und Erkenntniskraft. Die wichtigsten Begriffe kurz erklärt – und illustriert.

Buchumschlag „Traumdeutung“ © IMAGNO/Sigmund Freud Privatstiftung
Buchumschlag „Traumdeutung“ © IMAGNO/Sigmund Freud Privatstiftung

Traum

Für Freud ist der Traum eine Aktivität des Seelenlebens während des Schlafzustandes, die Ähn- lichkeiten mit dem Wachsein aufweist. Der Traum ist kein somatisches, sondern ein psychologi- sches Phänomen. Der Traum, besser die Traumerzählung, ist die entstellte und verhüllte Mitteilung eines latenten Inhaltes. Die latenten Inhalte wiederum sind solche, die im Laufe eines Tages (oder längeren Zeitraumes) verdrängt und ins Unbewusste verschoben werden. Der Traum ist eine Welt für sich und eine Geschichte für sich – die Welt des Seelenlebens, die sich nur im Schlafzustand entfalten kann.

Trieb

Freud bezeichnet als Trieb jene Kräfte, die hinter den Bedürfnissen des Es stehen. Trieb ist die letzte Ursache jeglicher Aktivität. Der Trieb ist nicht eine Kraft, die auf Reize der Außenwelt rea- giert, sondern aus dem Inneren des Organismus kommt. Trieb hat auch nichts mit Instinkt zu tun. Der Trieb besteht aus einer biologischen Triebquelle, ei- ner Triebenergie und einem Triebziel, das befriedigt werden will, sodass es zu einer Triebabfuhr (Lust) kommen kann. In seinem Alterswerk hat Freud zwei Basistriebe einander gegenübergestellt: den Libidotrieb (Sexualtrieb) und den Todestrieb: Eros und Thanatos.

Sigmund Freud, Foto: Max Halberstadt, 1921 © IMAGNO/Sigmund Freud Privatstiftung
Sigmund Freud, Foto: Max Halberstadt, 1921 © IMAGNO/Sigmund Freud Privatstiftung

Fehlleistungen

Freud hat nachgewiesen, dass die scheinbar bedeutungs- und sinnlosen, fehlerhaften Handlungen wie Versprechen, Vergreifen und Verlegen in Wahrheit der Erfüllung unbewusster Wünsche dienen. Fehlleistungen sind Kompromissbildungen zwischen der jeweils bewussten Absicht und der gleichzeitigen und teilweisen Durchsetzung unbewusster Wünsche.

Der psychische Appart: Ich, Es und Über-Ich

1923 erscheint Freuds „Das Ich und das Es“. Dort ordnet er „den psychischen Apparat“. Die Psyche beginnt ihre Entwicklung als unorganisiertes Es, aus dem sich in der Auseinandersetzung mit der Umwelt (Sozialisation) das Ich entwickelt. Zum Ich entwickelt sich schließlich das Über-Ich. Das Über-Ich ist gewissermaßen Produkt der elterlichen Beziehung und Beeinflussung. Freud hat dafür ein Bild entworfen: Pferd (Es), Reiter (Ich) und Reitlehrer (Über-Ich).

Libido

Der Libidobegriff ist nicht bewusstes Sexualverlangen, sondern ein ökonomisches Konzept, das alles umfasst, „was man als Liebe zusammenfassen kann.“ Libido ist Energie und damit dynamische Äußerung des Biologischen im psychischen Bereich.

Sexualität

In der Psychoanalyse ist der Begriff Sexualität wesentlich weiter gefasst als im allgemeinen Sprachgebrauch. Die Psychoanalyse geht davon aus, dass das erwachsene Sexualverhalten infantile Vorläufer hat, es also eine kindliche Sexualität gibt, die sich in bestimmten Phasen entwickelt und auch die sogenannte erwachsene Sexualität in hohem Ausmaß mitbestimmt. „Die Psychoanalyse rechnet zur Sexualität“, so Freud, „die aus der Quelle der primitiven Regungen hervorgegangenen zärtlichen Gefühle, auch wenn diese Regungen eine Hemmung ihres ursprünglichen sexuellen Zieles erfahren oder dieses Ziel gegen ein anderes, nicht mehr Sexuelles vertauscht haben. ... Wir sprechen darum auch von einer Psychosexualität, legen also Wert darauf, dass man den seelischen Faktor des Sexuallebens nicht übersehen und unterschätzen kann. Wir gebrauchen das Wort Sexualität in demselben umfassenden Sinne, wie die deutsche Sprache das Wort lieben.“

Lustprinzip/Realitätsprinzip

Freud geht davon aus, dass es Ziel jeglicher seelischer Aktivität ist, Unlust zu vermeiden und Lust zu gewinnen. Unlust entsteht durch ein Anwachsen von Triebspannungen, deren Abfuhr lusthaft erlebt wird.

Das Realitätsprinzip hingegen bedeutet, dass die Triebabfuhr auf direktem Wege nur zu oft verhindert oder aufgeschoben werden muss, sodass ein Erreichen der Befriedigung (und Lustzufuhr) erst später oder gar nicht realisiert wird. Das Realitätsprinzip ist so etwas wie ein Regulativ des Lustprinzips.