Der Traum ist ja nur eine Form des Denkens...

„Glaubst du eigentlich, daß an dem Hause dereinst auf einer Marmortafel zu lesen sein wird?: ‚Hier enthüllte sich am 24 Juli 1895 dem Dr. Sigm. Freud das Geheimnis des Traumes‘“ schrieb Sigmund Freud an seinen Kollegen Wilhelm Fließ. In der „Traumdeutung“, deren Erscheinungsdatum er bewusst mit dem Jahre 1900 festlegte, gab Sigmund Freud dem Phänomen Traum eine vollkommen neue Bedeutung. Er definiert ihn als eine andere Realität. Der Traum der Marmortafel ging übrigens in Erfüllung: aber erst 1971.

Freud entdeckte das „Geheimnis des Traumes“ in der Eigenbeobachtung, in der unermüdlichen Analyse seiner eigenen Träume, die er präzise protokollierte und interpretierte. Der Traum ist für Freud eine entstellte Darstellung eines unbewussten Wunsches.

Der Traum verarbeitet einerseits im Schlaf die Tagesreste. Er hat aber auch wesentliche psychische Funktionen. Er ist Hüter und Zensor von unbewussten, nicht gestatteten Wünschen und Begierden. Freud unterscheidet zwischen latentem Trauminhalt und manifestem Traum, also zwischen dem versteckten Traumgedanken und dem eigentlichen Trauminhalt.

Freud erkannte unterschiedliche Techniken des Traumes: Die Verschiebung, das heißt, dass ein Ereignis oder ein Inhalt in einem anderen Konnex erscheint. Beispielsweise kann Wichtiges als nebensächliches Detail erscheinen. Die Verdichtung ist das Zusammenballen von unterschiedlichen Themen und Problematiken zu einem Ganzen. Damit wird die Traumzensur umgangen.

Freud analysierte im Laufe seiner psychoanalytischen Arbeit mehrere Träume von Patienten, deren Erkenntnis er veröffentlichte. Berühmt sind unter anderem die Trauminterpretationen in den Fallgeschichten „Aus der Geschichte einer infantilen Neurose“ (1918) oder „Bruchstück einer Hysterie-Analyse“ (1905), besser bekannt als „Der Wolfsmann“ und „Der Fall Dora“.

Glaubst Du eigentlich, daß an dem Hause dereinst auf einer Marmortafel zu lesen sein wird?: „Hier enthüllte sich am 24 Juli 1895 dem Dr. Sigm. Freud das Geheimnis des Traumes“. Die Aussichten sind bis jetzt hiefür gering.

Die Psychoanalyse ist sozusagen mit dem zwanzigsten Jahrhundert geboren; die Veröffentlichung, mit welcher sie als etwas Neues vor die Welt tritt, meine „Traumdeutung“, trägt die Jahreszahl 1900.

Das Träumen ist offenbar das Seelenleben während des Schlafes.

Die Traumdeutung aber ist die Via regia zur Kenntnis des Unbewußten im Seelenleben.

Das Studium des Traumes dürfen wir als den zuverlässigsten Weg zur Erforschung der seelischen Tiefenvorgänge betrachten.

Der Traumdeutung bleibt es überlassen, den Zusammenhang wiederherzustellen, den die Traumarbeit vernichtet hat.

Der Traum ist ja nur eine Form des Denkens; das Verständnis dieser Form kann man nie aus dem Inhalt seiner Gedanken gewinnen, dazu führt nur die Würdigkeit der Traumarbeit.

Nach vollendeter Deutungsarbeit läßt sich der Traum als eine Wunscherfüllung erkennen.

Schade, daß man vom Traumdeuten nicht leben kann.

Ich habe in einem Hause in Wien zwei Wohnungen, die nur durch die Treppe außen verbunden sind. Im Hochparterre befindet sich meine ärztliche Wohnung und mein Arbeitszimmer, einen Stock höher die Wohnräume. Wenn ich in später Stunde unten meine Arbeit vollendet habe, gehe ich über die Treppe ins Schlafzimmer.

In der Nacht hatte ich folgenden Traum: Ich gehe in sehr unvollständiger Toilette aus einer Wohnung im Parterre über die Treppe in ein höheres Stockwerk. Dabei überspringe ich jedesmal drei Stufen, freue mich, dass ich so flink Treppen steigen kann. Plötzlich sehe ich, daß ein Dienstmädchen die Treppen herab – und also mir entgegenkommt. Ich schäme mich, will mich eilen, und nun tritt jenes Gehemmtsein auf, ich klebe an den Stufen und komme nicht von der Stelle.

Analyse: An dem Abend vor dem Traum hatte ich diesen kurzen Weg wirklich in etwas derangierter Toilette gemacht, d.h. ich hatte Kragen, Krawatte und Manschette abgelegt; im Traum war daraus ein höherer, aber, wie gewöhnlich, unbestimmter Grad von Kleiderlosigkeit geworden.