Kultur versus Trieb

„Daß die Kultur nicht allein auf Nutzen bedacht ist, zeigt schon das Beispiel der Schönheit, die wir unter den Interessen der Kultur nicht vermissen wollen.“ (1930)

Freuds kulturtheoretische Schriften und seine psychoanalytischen Analysen von Künstlern, literarischen Schlüsselszenen und -figuren – Dostojewskis Großinquisitor, Shakespeares Richard III., Das Motiv der Kästchenwahl, Hamlet, Jensens Gradiva – sind von überragender Qualität und vermitteln eine neue Dimension.

Kultur und Triebbeherrschung, Kultur versus Krieg und Gewalt, Kultur als Sublimierung aber auch als Akt der Verdrängung: Diese Themen beschäftigten Freud während seines gesamten wissenschaftlichen Schaffens. Freud war großer Kenner der griechischen Antike, der ägyptischen Kultur und Bewunderer Michelangelos, dessen Moses er in Rom viele Male betrachtet hatte und der ein Anstoß war für sein bedeutendstes Spätwerk: „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“. (1939)

Kultur – Quelle des Unglücks?

„Die individuelle Freiheit ist kein Kulturgut. Sie war am größten vor jeder Kultur…“ schrieb Sigmund Freud 1930 in „Unbehagen in der Kultur“, Freuds umfassendste kulturtheoretische Abhandlung: eine der einflussreichsten kulturkritischen Schriften des 20. Jahrhunderts.

Freud behandelte in seinen Thesen zum „Unbehagen“ den Antagonismus zwischen Kultur und Triebleben, individueller Freiheit und Kultur. Kulturentwicklung heißt für ihn, die Macht des Einzelnen durch die Macht der Gemeinschaft zu ersetzen. Das führte zu Einschränkungen von Freiheit, Lust, Trieb und Aggression. Kulturelle Entwicklung verwandelt Aggression in Schuldgefühl. Das „Sich-Versagen“ wird zur Quelle des Leidens und führt damit zu Unbehagen.

Es sind nicht alle Menschen liebenswert.

Die individuelle Freiheit ist kein Kulturgut. Sie war am größten vor jeder Kultur, allerdings damals meist ohne Wert ……

Zwei große Kränkungen ihrer naiven Eigenliebe hat die Menschheit im Laufe der Zeiten von der Wissenschaft erdulden müssen. Die erste, als sie erfuhr, daß unsere Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist, sondern ein winziges Teilchen eines in seiner Größe kaum vorstellbaren Weltsystems. Sie knüpft sich für uns an den Namen Kopernikus, obwohl schon die alexandrinische Wissenschaft ähnliches verkündet hatte. Die zweite dann, als die biologische Forschung das angebliche Schöpfungsvorrecht des Menschen zunichte machte, ihn auf die Abstammung aus dem Tierreich und die Unvertilgbarkeit seiner animalischen Natur verwies. Diese Umwertung hat sich in unseren Tagen unter dem Einfluß von Ch. Darwin, Wallace und ihren Vorgängern nicht ohne das heftigste Sträuben der Zeitgenossen vollzogen. Die dritte und empfindlichste Kränkung aber soll die menschliche Größensucht durch die heutige psychologische Forschung erfahren, welche dem Ich nachweisen will, daß es nicht einmal Herr ist im eigenen Hause, sondern auf kärgliche Nachrichten angewiesen bleibt von dem, was unbewußt in seinem Seelenleben vorgeht.

Die psychoanalytische Tätigkeit ist schwierig und anspruchsvoll, sie läßt sich nicht gut handhaben wie die Brille, die man beim Lesen aufsetzt und fürs Spazierengehen ablegt.

Wir merken bald, das Unnütze, dessen Schätzung wir von der Kultur erwarten, ist die Schönheit.

Einerseits widersetzt sich die Liebe den Interessen der Kultur, anderseits bedroht die Kultur die Liebe mit empfindlichen Einschränkungen. Diese Entzweiung scheint unvermeidlich.