Der Lapsus des Sigmund Freud

Der „Freud’sche Versprecher“ ist als Terminus technicus selbst in die Alltagssprache von heute eingedrungen. Neben dem „Ödipuskomplex“ und dem „Unbewussten“ gibt es wohl kaum einen weiteren Begriff, der im Alltagssprachlichen so oft verwendet wird.

In der „Psychopathologie des Alltaglebens“, 1901 erschienen, beschäftigt sich Freud mit dem Phänomen der Fehlleistungen. Der Untertitel des Buches lautet: „Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglauben und Irrtum“.

Freud bedient sich in der „Psychopathologie“ einer simplen Sprache, wie in einem populärwissenschaftlichen Ratgeber. Dieses populäre Buch zeigt Beispiele für die Anwendung der psychoanalytischen Methode und bringt illustrative Belege aus Literatur und Alltagssprache. Freud geht davon aus, dass die alltäglichen Fehlleistungen Ausdruck unbewusster Absichten sind, die man unterdrückt und ins Unbewusste abschiebt. Dieses Unbewusste aber meldet sich doch. So entstehen Fehlleistungen. Das scheinbar Bedeutungslose hat seinen verdeckten Gehalt.

„Er hat mir gleich in der ersten Stunde durch die Bluse (korrigiert sich: durch die Blume) zu verstehen gegeben, dass er mir lieber Einzelunterricht erteilen möchte.“ (1901)

Das Verlieren wertvoller Dinge dient mannigfachen Regungen zum Ausdruck, es soll entweder einen verdrängten Gedanken symbolisch darstellen, also eine Mahnung wiederholen, die man gern überhören möchte, oder es soll – und dies vor allem anderen – den dunklen Schicksalsmächten – Opfer bringen, deren Dienst auch unter uns noch nicht erloschen ist.

Ein Herr Y. verliebte sich erfolglos in eine Dame, welche bald darauf einen Herrn X. heiratete. Trotzdem nun Herr Y. den Herrn X. schon seit geraumer Zeit kennt und sogar in geschäftlichen Verbindungen mit ihm steht, vergißt er immer und immer wieder dessen Namen, so daß er sich mehreremal bei anderen Leuten danach erkundigen mußte, als er mit Herrn X. korrespondieren wollte.

In der Tramway sitzend, dachte ich darüber nach, daß manche meiner Jugendfreunde, die immer als zart und schwächlich gegolten hatten, jetzt die allerhärtesten Strapazen zu ertragen imstande sind, denen ich ganz bestimmt erliegen würde. Mitten in diesem unerfreulichen Gedankenzuge las ich im Vorüberfahren mit halber Aufmerksamkeit die großen schwarzen Lettern einer Firmatafel: „Eisenkonstruktion“. Einen Augenblick später fiel mir ein, daß dieses Wort für eine Geschäftsaufschrift nicht recht passe; mich rasch umdrehend, erhaschte ich noch einen Blick auf die Inschrift und sah, daß sie richtig „Eisenkonstruktion“ lautete.

Ein Patient bittet mich, ihm einen Kurort an der Riviera zu empfehlen. Ich weiß einen solchen Ort ganz nahe bei Genua, erinnere auch den Namen des deutschen Kollegen, der dort praktiziert, aber den Ort selbst kann ich nicht nennen, so gut ich ihn auch zu kennen glaube. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als den Patienten warten zu heißen und mich rasch an die Frauen meiner Familie zu wenden. „Wie heißt doch der Ort neben Genua, wo Dr. N. seine kleine Anstalt hat, in der die und jene Frau so lange in Behandlung war?“ „Natürlich, gerade du mußtest diesen Namen vergessen. Nervi heißt er.“ Mit Nerven habe ich allerdings genug zu tun.

Eine mir bekannte Dame hat sich, wie begreiflich, während der Trauer um ihre alte Mutter des Theaterbesuches enthalten. Es fehlen jetzt nur noch wenige Tage bis zum Ablauf des Trauerjahres, und sie läßt sich durch das Zureden ihrer Bekannten bewegen, eine Theaterkarte für eine besonders interessante Vorstellung zu nehmen. Vor dem Theater angelangt, macht sie die Entdeckung, daß sie die Karte verloren hat. Sie meint später, daß sie dieselbe mit der Tramwaykarte weggeworfen hatte, als sie aus dem Wagen ausstieg. Dieselbe Dame rühmt sich, nie etwas aus Unachtsamkeit zu verlieren.

In einer übergroßen Anzahl von Fällen ist es nämlich die Bereitschaft des Lesers, die den Text verändert und etwas, worauf er eingestellt oder womit er beschäftigt ist, in ihn hineinliest. Der Text selbst braucht dem Verlesen nur dadurch entgegenzukommen, daß er irgendeine Ähnlichkeit im Wortbild bietet, die der Leser in seinem Sinne verändern kann. Flüchtiges Hinschauen, besonders mit unkorrigiertem Auge, erleichtert ohne Zweifel die Möglichkeit einer solchen Illusion, ist aber keineswegs eine notwendige Bedingung für sie.