Der lädierte Ödipus

„Wir gebrauchen das Wort Sexualität in demselben umfassenden Sinne, wie die deutsche Sprache das Wort ‚lieben‘“, schrieb Sigmund Freud und meinte damit die „Psychosexualität“ (1910). Für Freud hat die erwachsene Sexualität in der Entwicklung des Kindes infantile Vorläufer. Es gibt eine frühkindliche Sexualität, die sich in bestimmten Phasen und Momenten entwickelt und die erwachsene Sexualität in hohem Ausmaß beeinflusst: Freud unterscheidet dabei zwischen oraler, analer und genitaler Phase. Diese These war revolutionär und provokant zugleich.

Mit dem Ödipuskomplex – Ödipus schlief mit Jokaste, ohne dass er wusste dass sie seine Mutter sei, und tötete Laios ohne zu wissen, dass er sein Vater war – schuf Freud die metaphorische Erklärung dafür. Der Ödipuskomplex entsteht aus dem unbewussten Verlangen des Kindes nach sexuellem Kontakt mit einem der beiden Elternteile und der Tötung des anderen.

„Im übertragenen Sinn töten wir unsere Eltern auch, indem wir unsere Autonomie und unser Über-Ich entwickeln, gerade, weil wir uns in keine inzestuösen Beziehungen einlassen. Wir bemächtigen uns ihrer Macht, ihrer Fähigkeiten, ihrer Verantwortung für uns. Wir weisen sie als libidinöse Objekte ab und geben sie damit auf. Wir zerstören sie exakt in jenen Qualitäten, die für uns bis dahin am wichtigsten waren.“ (Hans W. Loewald, 1980)

Der Ödipuskomplex ist eine grundlegende Struktur des Unbewussten, die eine Wegkreuzung für die sexuelle Identität jedes Menschen ist. Er bedeutet mehr: Der Ödipus-Konflikt symbolisiert Nicht-Entrinnbarkeit des Schicksals, schmerzvolle Suche nach Wahrheit und gleichzeitig das Nicht-Wahrhaben-wollen der Wahrheit.

Ich habe die Verliebtheit in die Mutter und die Eifersucht gegen den Vater auch bei mir gefunden und halte sie jetzt für ein allgemeines Ereignis früher Kindheit, wenn auch nicht immer so früher wie bei den hysterisch gemachten Kindern.

Tief in mir, überlagert, lebt noch immer fort das glückliche Freiberger Kind, der erstgeborene Sohn einer jugendlichen Mutter, der aus dieser Luft, aus diesem Boden die ersten unauslöschlichen Eindrücke empfangen hat.

Auf irgendeinem der dunkeln Wege hinter dem offiziellen Bewußtsein hat mich der Tod des Alten sehr ergriffen. Ich hatte ihn sehr geschätzt, sehr genau verstanden, und er hatte viel in meinem Leben gemacht, mit der ihm eigenen Mischung von tiefer Weisheit und phantastisch leichtem Sinn. Er war lange ausgelebt, als er starb, aber im Innern ist wohl alles Frühere bei diesem Anlaß aufgewacht.

Es muß so sein, daß sich an die Befriedigung, es so weit gebracht zu haben, ein Schuldgefühl knüpft; es ist etwas dabei, was unrecht, was von alters her verboten ist. Das hat mit der kindlichen Kritik am Vater zu tun, mit der Geringschätzung, welche die frühkindliche Überschätzung seiner Person abgelöst hatte. Es sieht so aus, als wäre es das Wesentliche am Erfolg, es weiter zu bringen als der Vater, und als wäre es noch immer unerlaubt, den Vater übertreffen zu wollen.

Ich bin nämlich gar kein Mann der Wissenschaft, kein Beobachter, kein Experimentator, kein Denker. Ich bin nichts als ein Conquistadorentemperament, ein Abenteurer, wenn Du es übersetzt willst, mit der Neugierde, der Kühnheit und der Zähigkeit eines solchen.

Der Hauptpatient, der mich beschäftigt, bin ich selbst.