Hier regiert das Unbewußte

„Die entscheidenden Regeln der Logik haben im Unbewußten keine Geltung, man kann sagen, es ist das Reich der Unlogik“, schreibt Sigmund Freud 938, postum erschienen 1940 im „Abriß der Psychoanalyse“. Freud hat mit der Entdeckung des Unbewussten eines der großen Kapitel der Geistesgeschichte Europas im 20. Jahrhundert geschrieben.

Freud geht davon aus, dass unbewusste psychische Prozesse und Triebe das menschliche Handeln, Denken und Fühlen beeinflussen. Unbewusstes bewusst zu machen ist Kerngedanke der psychoanalytischen Arbeit und Therapie.

Freud differenziert – in einer räumlichen Metapher – drei Ebenen.
Das Bewusste ist das Erlebte, Wahrgenommene und Gedachte, über das der Mensch jederzeit verfügen kann.

Im Vorbewussten befinden sich psychische Inhalte, auf die das Bewusstsein nicht direkt zugreifen kann, die jedoch im Denk- und Nachdenkprozess aktiviert werden. Das Vorbewusste ist das scheinbar Vergessene, das aus dem Gedächtnis abgerufen werden kann. Es ist das, was einem „einfällt“, wenn man nachdenkt.

Das Unbewusste ist ein System aus verdrängten oder abgewehrten Gedanken und Phantasien. Dieses Verdrängte beeinflusst den Menschen in seinem Handeln, ohne dass er sich dessen bewusst ist, und ist Quelle und Ursache der Neurosen.

Freud hat das Modell des Unbewussten später in ein Hierarchisches transponiert: Ich, Es und Über-Ich. Das Es, die Triebe, welche vom Ich abgewehrt, zugelassen oder ins Unbewusste verschoben werden; Das Über-Ich, die Instanz der Erfahrungen, welche der Mensch im Rahmen seiner Sozialisation gesammelt hat, zumeist unter Einfluss von Autoritätsfiguren, vor allem der Eltern; Das Ich als Instanz des Bewusstseins ist nun der Vermittler zwischen Innen- und Außenwelt, zwischen Lust und Gewissen. Außerdem ist das Ich die Instanz der Angst, die den Menschen vor bedrohlichen Situationen warnt. In seinen späten Schriften betrachtet Freud das Ich nicht mehr ausschließlich als vermittelnde Organisation, sondern als Fiktion. „ Aber ein solches Normal-Ich ist, wie die Normalität überhaupt, eine Idealfiktion. Das abnorme, für unsere Absichten unbrauchbare Ich ist leider keine. Jeder Normale ist eben nur durchschnittlich normal ...“ (1937)

Die entscheidenden Regeln der Logik haben im Unbewußten keine Geltung, man kann sagen, es ist das Reich der Unlogik.

Wir haben erfahren, dass die unbewussten Seelenvorgänge an sich „zeitlos“ sind. Das heisst zunächst, daß sie nicht zeitlich geordnet werden, daß die Zeit nichts an ihnen verändert, daß man die Zeitvorstellung nicht an sie heranbringen kann.

Vom Standpunkt der Triebeinschränkung, der Moralität, kann man sagen: Das Es ist ganz amoralisch, das Ich ist bemüht, moralisch zu sein, das Über-Ich kann hypermoralisch und dann so grausam werden wie nur das Es. Es ist merkwürdig, daß der Mensch, je mehr er seine Aggression nach außen einschränkt, desto strenger, also aggressiver in seinem Ichideal wird.

Das normale, bewußte Schuldgefühl (Gewissen) bietet der Deutung keine Schwierigkeiten, es beruht auf der Spannung zwischen dem Ich und dem Ichideal, ist der Ausdruck einer Verurteilung des Ichs durch seine kritische Instanz. Die bekannten Minderwertigkeitsgefühle der Neurotiker dürften nicht weit davon abliegen.

Die Psychoanalyse ist ein Werkzeug, welches dem Ich die fortschreitende Eroberung des Es ermöglichen soll.

Versucht man, die Religion in den Entwicklungsgang der Menschheit einzureihen, so erscheint sie nicht als Dauererwerb, sondern als ein Gegenstück der Neurose, die der einzelne Kulturmensch auf seinem Wege von der Kindheit zur Reife durchzumachen hat.

Wir wollen übrigens das Wort nicht verachten. Es ist doch ein mächtiges Instrument, es ist das Mittel, durch das wir einander unsere Gefühle kundgeben, der Weg, auf den anderen Einfluß zu nehmen. Worte können unsagbar wohltun und fürchterliche Verletzungen zufügen. Gewiß, zu allem Anfang war die Tat, das Wort kam später, es war unter manchen Verhältnissen ein kultureller Fortschritt, wenn sich die Tat zum Wort ermäßigte. Aber das Wort war doch ursprünglich ein Zauber, ein magischer Akt, und es hat noch viel von seiner alten Kraft bewahrt.

Es gibt nämlich einen Rückweg von der Phantasie zur Realität, und das ist – die Kunst.