Warum Krieg?

1914 war Freud, wie viele Künstler, Intellektuelle und Wissenschaftler – noch mit einem gewissen Enthusiasmus dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges gegenübergestanden. Die Erkenntnis und Ernüchterung folgten angesichts der hohen Anzahl von Kriegstoten und -verletzten und des Elends an den Fronten bald. Diese frühe Erkenntnis bewegte Freud zu der folgenden Überlegung:

„Wir erinnern uns des alten Spruches: Si vis pacem, para bellum. Wenn du den Frieden erhalten willst, so rüste zum Kriege. Es wäre zeitgemäß, ihn abzuändern: Si vis vitam, para mortem. Wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf den Tod ein.“ (1915)

Freud war liberal denkender Bürger, nie parteipolitisch engagiert oder politisiert, er hat immer wieder kritisch den latenten und sich immer stärker verbreitenden Antisemitismus in Wien beobachtet. In vielen Briefen und Notizen formulierte er seine tiefe Besorgnis über die Gewalt des aufkommenden Faschismus und Nationalsozialismus bereits in den Zwanziger- und frühen Dreißigerjahren. Im Jahr 1938 wurde er als Jude vom Nazi-Regime vertrieben.

Internationales Aufsehen erregte sein Briefwechsel mit Albert Einstein, den der Völkerbund 1932 eingeladen hatte mit einem Briefpartner seine Thesen zum Krieg und zur Kriegsgefahr darzulegen. Einstein wählte Freud als Briefpartner aus. Freud: „Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg.“ (1933)

Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden.

Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, daß sie es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten.

Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg.

Der Mensch ist so armselig, wenn er nichts will, als am Leben bleiben.

So scheint es also, daß der Versuch, reale Macht durch die Machte der Ideen zu ersetzen, heute noch zum Fehlschlagen verurteilt ist.

Wir erinnern uns des alten Spruches: Si vis pacem, para bellum. Wenn du den Frieden erhalten willst, so rüste zum Krieg. Es wäre zeitgemäß ihn abzuändern: Si vis vitam, para mortem. Wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf den Tod ein.

Die Affektlage dieser Tage ist schwer zu fassen, kaum zu beschreiben. Das Triumphgefühl der Befreiung vermengt sich zu stark mit der Trauer, denn man hat das Gefängnis, aus dem man entlassen wurde, immer noch sehr geliebt …….