Das vertraute Unvertraute

Für Freud ist Unheimliches, was vertraut und zugleich fremd ist. Es birgt sowohl Heimliches als auch ehemals Vertrautes in sich. Das Unheimliche ist das ehemals Vertraute, das verdrängt und ins Unbewusste verschoben wurde. Unheimliches sei, so Freud, wiederum zu differenzieren: als fiktionales und als erlebtes Unheimliches. (1919)

Das Unheimliche ist eine bestimmte Form der Angst – sowohl im erlebten Sinne als auch in der Vorstellung. Es ist die Angst, das verdrängte Vertraute könne sich wiederholen. Freud nennt als Beispiel die Kastrationsphantasie.

In einer zweiten Interpretations- und Erscheinungsform ist das Unheimliche das Wiedererwachen eines infantilen, überwunden-geglaubten Realitätsverständnisses. Die schmerzhafte Erkenntnis, dass Realität etwas anderes ist als die frühe Wunschvorstellung, wird verdrängt.

Unbewusst haften Menschen aber viel länger an diesen infantilen Wunschvorstellungen als sie wahr haben wollen. Wenn diese frühen, machtvollen Phantasien später (oder im erwachsenen Alter) wieder zurückkehren und als „real vortreten“ entsteht der Eindruck des Unheimlichen. Man denke an ein Kind, das meint, wenn es die Augen schließe, sei es selbst verschwunden und unsichtbar.

Dass Unheimliche löst Angst aus, denn es erinnert an die frühen Kinderängste, die mit Einsamkeit, Stille und Dunkelheit verbunden sind, von denen wir uns nie ganz gelöst haben.

„Das Unheimliche des Erlebens kommt zustande, wenn verdrängte, infantile Komplexe durch einen Eindruck wieder belebt werden oder wenn überwundene primitive Überzeugungen wieder bestätigt scheinen.“ (1919)

Freud spricht im Zusammenhang mit dem Unheimlichen auch vom „Doppelgänger“-Phänomen: „Denn der Doppelgänger war ursprünglich eine Versicherung gegen den Untergang des Ichs, eine ‚energische Dementierung der Macht des Todes‘ und wahrscheinlich war die ‚unsterbliche‘ Seele der erste Doppelgänger des Leibes.“ (1919)

Also heimlich ist ein Wort, das seine Bedeutung nach einer Ambivalenz hin entwickelt, bis es endlich mit seinem Gegensatz unheimlich zusammenfällt. Unheimlich ist irgendwie eine Art von heimlich.

Woher rührt die Unheimlichkeit der Stille, des Alleinseins, der Dunkelheit?

Von der Einsamkeit, Stille und Dunkelheit können wir nichts anderes sagen, als dass dies wirklich die Momente sind, an welche die bei den meisten Menschen nie ganz erlöschende Kinderangst geknüpft ist.

Die Analyse der Fälle des Unheimlichen hat uns zur alten Weltauffassung des Animismus zurückgeführt, die ausgezeichnet war durch die Erfüllung der Welt mit Menschengeistern, durch die narzißtische Überschätzung der eigenen seelischen Vorgänge, die Allmacht der Gedanken und die darauf aufgebaute Technik der Magie, …

Der Charakter des Unheimlichen kann doch nur daher rühren, dass der Doppelgänger eine den überwundenen seelischen Urzeiten angehörige Bildung ist, die damals allerdings einen freundlicheren Sinn hatte. Der Doppelgänger ist zum Schreckbild geworden, wie die Götter nach dem Sturz ihrer Religion Dämonen werden.

Wir heißen auch einen lebenden Menschen unheimlich, und zwar dann, wenn wir ihm böse Absichten zutrauen. Aber das reicht nicht hin, wir müssen noch hinzutun, dass diese seine Absichten, uns zu schaden, sich mit Hilfe besonderer Kräfte verwirklichen werden.

Im allerhöchsten Grade unheimlich erscheint vielen Menschen, was mit dem Tod, mit Leichen und mit der Wiederkehr der Toten, mit Geistern und Gespenstern, zusammenhängt.

… daß es nur das Moment der unbeabsichtigten Wiederholung ist, welches das sonst Harmlose unheimlich macht und uns die Idee des Verhängnisvollen, Unentrinnbaren aufdrängt, wo wir sonst nur von “Zufall“ gesprochen hätten.