Tabu, Magie und Zwangsneurose

„Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker“ ist der auf den ersten Blick verwunderliche Untertitel von „Totem und Tabu“. Für Freud ist „… die Grundlage des Tabus ein verbotenes Tun, zu dem eine starke Neigung im Unbewussten besteht“ (1913). Die ältesten Verbote sind diejenigen des Totemismus: Tötungsverbot und sexueller Verkehr unter Clanmitgliedern. In anderen Worten: Mord und Inzest. Für Freud stellt der Mord der Brüderhorde am Urvater die Quelle der Kultur dar.

Im Gegensatz zu Trieblust und Verbot wird die Lust und Lusterfüllung ins Unbewusste verdrängt, und äußert sich in Zwangsneurosen: „Wo ein Verbot vorliegt, muss ein Begehren dahinter sein“ (1913). Zwangsneurosen – oder Zwangshandlungen – werden als Ersatzhandlungen interpretiert, die den Trieb für das Verbotene entschädigen. Was ich mir verbiete, oder was ich nicht anfassen kann, ist exakt das, was ich begehre.

Für Freud war Totem und Tabu, noch vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1913 erschienen, eines seiner wichtigsten Bücher. Es stellt gleichzeitig den Beginn sein religionskritischen Arbeiten dar.

Diese Ersetzung der Macht des Einzelnen durch die der Gemeinschaft ist der entscheidende kulturelle Schritt. Ihr Wesen besteht darin, daß sich die Mitglieder der Gemeinschaft in ihren Befriedigungsmöglichkeiten beschränken, während der Einzelne keine solche Schranke kannte.

Der Mensch, der ein Tabu übertreten hat, wird selbst tabu, weil er die gefährliche Eignung hat, andere zu versuchen, daß sie seinem Beispiel folgen. Er erweckt Neid.

Es scheint vielmehr, dass sich jede Kultur auf Zwang und Triebverzicht aufbauen muß.

Wer von der Psychoanalyse, das heißt von der Erforschung des unbewußten Anteils am individuellen Seelenleben her an das Problem des Tabu herantritt, der wird sich nach kurzem Besinnen sagen, daß ihm diese Phänomene nicht fremd sind. Die individuelle Freiheit ist kein Kulturgut. Sie war am größten vor jeder Kultur, allerdings damals meist ohne Wert ……

Von seinem Totem erwartete der Stamm Schutz und Schonung.

So erweist sich die Allmacht der Gedanken, die Überschätzung der seelischen Vorgänge gegen die Realität, als unbeschränkt wirksam im Affektleben des Neurotikers und in allen von diesem ausgehenden Folgen.