Die Entwicklung der Psychoanalyse

Die freie Assoziation

Sigmund Freud am Schreibtisch, London 1938 © Sigmund Freud Privatstiftung
Sigmund Freud am Schreibtisch, London 1938 © Sigmund Freud Privatstiftung

Anfang der Neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts begann Freud – nach Experimenten mit hypnotischer und sinneserweiternder Behandlung mit Kokain – eine neue Behandlungsmethode zu entwickeln, die er 1894 in einem Vortrag erstmals Psychoanalyse nannte. Das Grundprinzip der Psychoanalyse ist bis heute „der freie Einfall“ oder die „freie Assoziation“. Die Patienten holen ihre Erinnerung selbständig aus ihrem Unterbewusstsein hervor, ohne dass diese vom Arzt gesteuert, verfälscht oder beeinflusst würden, wie bei früheren Therapien und Methoden.

Die Attribute dazu sind die Couch und der Sessel des Arztes, der dem Patienten nicht sichtbar ist. Freud selbst hat den Vorgang pars pro toto einmal so beschrieben: „Nachdem es sich der Patient auf der Couch bequem gemacht hat, nimmt der Arzt hinter ihm, ungesehen Platz: Bitte teilen Sie mir mit, was sie von sich wissen, eröffnete er die erste Analysestunde, sagen sie alles, was ihnen durch den Sinn geht. Benehmen sie sich so, wie zum Beispiel ein Reisender, der am Fensterplatz eines Einsenbahnwaggons sitzt und den ihm inneren Eindruck beschreibt, wie sich vor seinen Blicken die Aussicht verändert.“

Schloss Belle Vue am Kobenzl © Sigmund Freud Museum Wien
Schloss Belle Vue am Kobenzl © Sigmund Freud Museum Wien

Bellevue oder die Realität des Traumes

Die Couch, Sigmund Freud Museum London
Die Couch, Sigmund Freud Museum London

1899/1900 erscheint Freuds Traumdeutung und löst heftige Debatten aus. Freud hatte in den Jahren zuvor eine Selbstanalyse durchgeführt, die auf der Basis der „freien Assoziation“ beruhte.

Freuds revolutionäre Erkenntnis ist, den Traum als eigene Realität und Aktivität für sich darzustellen, die unmittelbar mit der Existenz des Träumenden zu tun hat. Traum ist eine Aktivität des Seelenlebens während des Schlafzustandes. Freud beschrieb erstmals auch präzise Techniken und Mechanismen des Traumes: Verschiebung, Verdichtung, Verarbeitung von Tagesresten und verdrängtem Geschehen.

In der Traumdeutung formuliert Freud erstmals auch die Theorie des Unbewussten.

Der ödipale Konflikt

Oedipus und die Sphinx, Reproduktion eines Gemäldes von Jean-Auguste-Dominique Ingres (Behandlungszimmer Sigmund Freuds)
Oedipus und die Sphinx, Reproduktion eines Gemäldes von Jean-Auguste-Dominique Ingres (Behandlungszimmer Sigmund Freuds)

Anknüpfungspunkt ist der Ödipus-Mythos. Ödipus, der das Rätsel der Sphinx gelöst hat, tötet unwissentlich seinen Vater und nimmt seine Mutter zur Frau. Als er den Irrtum bemerkt, blendet er sich und wird von den Rachegöttinnen verfolgt.

Freud sieht den Ödipuskomplex als zentrales Motiv und Phänomen. Der Ödipuskomplex entsteht für Freud aus dem unbewussten Wunsch des Kindes nach sexuellem Kontakt mit einem der Elternteile und Tötungssehnsucht des jeweils anderen Elternteils. Er ist später in hohem Maße verantwortlich für unbewusste Schuldgefühle und Handlungen. Je stärker Menschen in ihrer ödipalen Phase fixiert bleiben, umso stärker prägt sich auch ihr Über-Ich aus.

Die Fixierung auf der ödipalen Stufe führt zur Mutter- oder Vaterfixierung und zeigt sich in der Objektwahl von Personen, die an die realen Eltern erinnern.

Buchumschlag „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ © IMAGNO/Sigmund Freud Privatstiftung
Buchumschlag „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ © IMAGNO/Sigmund Freud Privatstiftung

Der psychische Appart: Ich, Es und Über-Ich

Sigmund Freud und Anna Freud in Berlin, 1928 © IMAGNO/Sigmund Freud Privatstiftung
Sigmund Freud und Anna Freud in Berlin, 1928 © IMAGNO/Sigmund Freud Privatstiftung

1923 erscheint Freuds „Das Ich und das Es“. Dort ordnet er „den psychischen Apparat“. Die Psyche beginnt ihre Entwicklung als unorganisiertes Es, aus dem sich in der Auseinandersetzung mit der Umwelt (Sozialisation) das Ich entwickelt. Zum Ich entwickelt sich schließlich das Überich. Das Überich ist gewissermaßen Produkt der elterlichen Beziehung und Beeinflussung. Freud hat dafür ein Bild entworfen: Pferd (Es), Reiter (Ich) und Reitlehrer (Über-Ich).

Jenseits des Lustprinzips: Eros und Thanatos

Sigmund Freud hat seine Theorien mehrfach abgewandelt und neu definiert. In der späten Distanzierung vom reinen ödipalen Konflikt stellt Freud die These auf, dass es zwei beherrschende Triebe gibt: den Sexualtrieb und den Todestrieb (Eros und Thanatos). Freuds Auffassung nach gibt es vier Möglichkeiten, diesen Trieb zu verändern: durch Verdrängung, Sublimierung, Wendung gegen das Selbst (das Selbst wird als Triebobjekt benutzt) und durch Inversion (Verkehrung des Triebes ins Gegenteil).

Mit „Jenseits des Lustprinzips“ löste Freud unter seinen Schülern große Verwirrung aus, da er seinen ursprünglichen Theorien der absoluten Dominanz des Sexualtriebes abschwört.

Der Witz

Buchumschlag „Witz“ © IMAGNO/Sigmund Freud Privatstiftung
Buchumschlag „Witz“ © IMAGNO/Sigmund Freud Privatstiftung

Sigmund Freuds Arbeit über den Witz zählt zu seinen wichtigsten und gleichzeitig auch meistgelesenen Werken. Für Freud hat der Witz – und das Lachen – viel mit dem Unbewussten zu tun. Im Witz kann das Verbotene, Zensurierte, Verdrängte sich entfalten und Realität werden. Freud setzt die Technik des Witzes mit der Technik des Traumes in Beziehung und deckt Parallelen auf: Verdichtung, Verschiebung, Zensur. „Der Traum ist immer noch ein wiewohl unendlich gemachter Wunsch. Der Witz ist ein entwickeltes Spiel ... Der Witz sucht einen kleinen Lustgewinn aus der bloßen, bedürfnisfreien Tätigkeit unseres seelischen Apparates zu ziehen. ... Der Traum dient vorwiegend der Unlustersparnis, der Witz dem Lusterwerb, in beiden Zeilen treffen aber alle unsere seelischen Tätigkeiten zusammen.“

Einige Passagen aus Freuds „Der Witz“

„Zwei Juden treffen in der Nähe des Badehauses zusammen.
„Hast du genommen ein Bad?“ fragt der eine.
„Wieso?“ fragt der andere dagegen, „fehlt eins?“

„Ein Herr kommt in eine Konditorei und lässt sich eine Torte geben; bringt dieselbe aber bald wieder und verlangt an ihrer Statt ein Gläschen Likör. Dieses trinkt er aus und will sich entfernen, ohne gezahlt zu haben. Der Ladenbesitzer hält ihn zurück.
– „Was wollen Sie von mir?“
– „Sie sollen den Likör bezahlen.“
– „Für den habe ich Ihnen ja die Torte gegeben.“
– „Die haben Sie ja auch nicht bezahlt.“ – „Die habe ich ja auch nicht gegessen.“

„Ein Schnorrer trägt dem reichen Baron seine Bitte um Gewährung einer Unterstützung für die Reise nach Ostende vor; die Ärzte hätten ihm Seebäder zur Herstellung seiner Gesundheit empfohlen. „Gut, ich will Ihnen etwas dazugeben“, meint der Reiche. „aber müssen Sie gerade nach Ostende gehen, dem teuersten aller Seebäder?“ – „Herr Baron“, lautet die Antwort, „für meine Gesundheit ist mir nichts zu teuer.“

Warum Krieg?

Buchumschlag „Warum Krieg“ © IMAGNO/Sigmund Freud Privatstiftung
Buchumschlag „Warum Krieg“ © IMAGNO/Sigmund Freud Privatstiftung

Freud war nie ein ausgesprochen parteipolitischer Mensch, er betrachtete den latenten und dann manifesten Antisemitismus in Wien aber nicht nur als Betroffener, sondern reflektierte ihn auch in seinen Werken, wie etwa im „Mann Moses und die monotheistische Religion“, seinem großen Spätwerk. In vielen Tagebuchaufzeichnungen und Briefen aus den Zwanziger und Dreißiger Jahren teilte er seine Besorgnis über den aufkommenden Nationalsozialismus und Faschismus mit.

Am bekanntesten ist in dieser Hinsicht sein Briefwechsel mit Albert Einstein aus den Dreißiger Jahren, der unter dem Titel „Warum Krieg?“ 1933 in Paris zum ersten Mal veröffentlicht wurde. Einstein selbst hatte Freud als seinen Briefpartner bestimmt und eröffnete den Briefwechsel mit der Frage „Gibt es einen Weg, die Menschen von dem Verhängnis des Krieges zu befreien?“